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Rádio Cultura AM – Die DNA des neuen Theaters (teil III)

Marilú: Der Prozess ist also noch im Gang?

Zé Celso: Es ist ein Prozess, aber ich glaube, er wird noch nicht in seinem ganzen Ausmass wahr genommen. Er wird von den Finanzverwaltern noch nicht wirklich verstanden. Aber ich glaube, dass Silvio Santos seine Bedeutung verstanden hat; und darum will ich ihn noch einmal treffen, um ueber die Fragen des Managements zu sprechen. Damit er auf sein Management zu gehen kann und erklaert: ?Seien Sie sicher, dass fuer das Management ?Uzyna Uzona? verantwortlich ist. Zum Wohle des brasilianischen und des internationalen Theaters. Dieser Ort dient nur dem Theater. Es kann sein, dass es zuweilen Funktions- und Nutzungsweisen hat, die Ihr Verwaltungsleute vom oekonomischen Gesichtspunkt her nicht so verstehen koennt, weil Ihr denkt, das Theater sei nur ein Unternehmen, nur eine Fabrik. Das ist das Theater nicht. Es handelt von anderen Dingen ? von der Schoepfung. Von einer anderen Art zu denken.? Sonst naemlich hat es keinen Wert und bedeutet weniger als nichts. Sonst naemlich wuerdet Ihr da, in diesem Zentrum, nicht diese ganz andere Freiheit entdecken, die schon jetzt im Handel in der Geschaeftswelt drum herum herrscht.

Die besonderen Kulturen des ?Bixiga?-Viertels und Brasiliens

Ihre Bedeutung fuer die globalisierte Welt von heute

Denn die besondere Freiheit in diesem Zentrum wird sich vermitteln auch auf den Strassen und in all den anderen Freiheiten, fuer die ich weiterhin kaempfen werde, etwa die Freiheiten der kleinen Ladengeschaefte im ?Bixiga?-Viertel . Es ist in Ordnung, das grosse Business hier zu haben, aber es darf das kleine nicht bei Seite draengen. Die Strassenverkaeufer beweisen das, und nicht nur sie ? das ist ueberall auf der Welt zu beobachten: die Baeckereien, die Bistros in Paris, der spezielle Charme jedes Ortes haengt davon ab. Hier zum Beispiel ist gleich nebenan ein fabelhaftes italienisches Restaurant, das Concheta gehoert, die eine schoene Frau und Tochter des Bixiga-Begruenders ist und ausserdem zwei Toechter hat, die im Theater arbeiten; Concheta hat ein Restaurant, wo es sehr lecker und gemuetlich ist. Im Einkaufszentrum dagegen wird es nur diese Franchise-Restaurants geben, diese Handelsketten fuer alles und jedes ? weil es dafuer oeffentliches Kundeninteresse gibt. Aber in der globalisierten Welt waechst eben auch das Interesse am Speziellen, an der Moeglichkeit, eben diesen einen besonderen Ort mit dem einzigartigen Geschmack und Geruch zu besuchen, an der Gelegenheit, dort dieses einmalig leckere Essen zu geniessen; es waechst die Sehnsucht, die Kleidung zu kaufen, die nur dieser eine ganz spezielle Schneider und Designer herstellen kann. All das darf nicht verloren gehen. Und dieses Theater repraesentiert dies alles ? als ware es einer Versammlung. Es kann uebrigens auch so genutzt werden: fuer Versammlungen der Bixiga-Bewohner, die zum Wohle ihres Viertels arbeiten wollen. Tatsaechlich wird das sogar unvermeidlich sein; es ist eine ?agora? . Das ist von groesster Bedeutung. Und genau so muss es verstanden werden ? genau in der Mitte des Einkaufszentrums gibt es eine Insel, die, ueber verschiedene Bruecken hinweg, verbunden ist mit der bluehenden Landschaft der Bixiga und mit all den wundervollen Menschen, die von dort nicht vertrieben werden duerfen.

Es ist offenkundig, dass die Menschen, die hier auf der Strasse leben, die Haeuser und Gebaeude besetzen muessen, die es hier gibt. Sie fuehren ein erniedrigendes Leben, und ist kein Sinn darin, die auf der Strasse leben zu lassen. So viele sind es nicht, dieses Problem ist unbedingt loesbar: durch die Hausbesetzer-Bewegung und die Stadtverwaltung. Es ist absurd, gerade Bixiga als Stadtteil zu sehen, wo Menschen auf der Strasse leben muessen ? immerhin ist dies ein historischer Bezirk mit den Traditionen von Boheme und kulturellem Leben, wo es moeglich ist, als Kuenstler zu ueberleben. Gerade dieses Viertel muss die Entwicklung nicht hinnehmen – es sind nur wenige Menschen auf der Strasse, sie waeren unterzubringen; und auch die Chancen zur Ausbildung koennten ihnen gegeben werden.

Die Volksuniversitaet der orgiastischen Kultur Brasiliens

Einer der grossen Verluste war der der Synagoge . Ich wuenschte mir sehr, aus der Synagoge eine Universitaet zu machen; aber es gab einen Grundstueckstausch mit der Juedischen Gemeinde, um die Synagoge an einen anderen Platz umzusiedeln. Und dabei gehen sogar die kunstvollen Glasfenster mit, die meiner Ansicht nach grossen Anteil hatten am ?Axe? der Synagoge . Natuerlich wird der ?Axe? des Ortes weiter existieren, und ich wuerde hier immer noch gern eine Universitaet begruenden, aber es gibt darueber bis jetzt keine Entscheidung der Juedischen Gemeinde selbst. Daher moechte ich, dass Silvio Santos die Bruecke schlaegt zu einem anderen der vielen Gebaeude, die er auf diesem Gelaende besitzt, um dann dort eine Schule zu installieren, eine Volksuniversitaet der Kuenste, eine Universitaet der brasilianischen Volkskultur der gemischten Rassen.

Es wird mir empfohlen, das folgende Wort nicht zu benutzen, aber ich werde es trotzdem tun: ?orgiastisch?. Denn ich nutze das Wort nicht nur im Sinne freier Sexualitaet, freier Liebe, sondern auch im Sinne der Vermischung virtueller Technologien mit der wirklichen Welt-Technik, die das Theater ist; als Vermischung und Durchdringung von allem mit allem. In diesem Sinne bediene ich mich der ?Orgie?. Aber das heisst nicht, dass ich sie nicht auch in dem anderen Sinne anwende ? denn das Oficina-Theater war immer von grosser Bedeutung im Kampf um die sexuelle Befreiung, die sich heutzutage als politisches Phaenomen erweist nach all den polemischen Kaempfen, die sich um die homosexuelle Ehe entwickelten. Bush hat gesiegt, und die Welt kaempft weiter.

In der ?Big Brother?-Show gab es diesen Moment, wo einer der Mitspíeler zugab, schwul zu sein; und das Publikum ihn in der Show beliess. Also machte er weiter. Das war ein politischer Augenblick. Die erotische Freiheit jedes einzelnen Menschen muss nicht nur respektiert, sie muss gestaerkt werden. Weil diese Menschen in einer repressiven Gesellschaft gross geworden sind, ist die Arbeit fuer den erotischen Fortschritt eine Aufgabe von politischer Bedeutung. Sie ist Teil der gemischtrassigen Kultur und koennte mit zu einer weltweiten Revolution fuehren. Sie ist uebrigens nicht Teil der kapitalistischen Kultur, die sehr zerbrechlich ist; weil sie moralisch und puritanisch ist und auf Ausschluss bedacht. Ich meine: Kultur, Kino und Literatur des Kapitalismus, und vor allem des amerikanischen, sind orientiert auf nette Helden und boese Charaktere, und stets gibt es Auserwaehlte. Das ist eine merkwuerdig mutlose Kultur im Vergleich zu der vermischter Rassen, etwa der ?Weltmusik?, die es nun ueberall in der Welt gibt und die in der Tat ?antropophagisch?, als tendenziell ?menschenfresserisch? ist, weil sie Teil der Kultur der Vermischung und der Freiheit ist. Im Grossen und Ganzen betrachtet, ist dies die totale Freiheit der Menschen weltweit, eine Freiheit, die mit dem Individuum beginnt. Und was wir in der Universitaet unterrichten wollen, hat seinen Ursprung in Liebe, Lust und Libido, beginnend mit den Klaengen der Vokale: ?a, e, i, u, óoooo?; und ?ó? ist besonders offen, denn das Ziel des Lebens ist Lust. Es wird also eine Universitaet sein, die die Techniken unterrichtet, die fuer die Kunst des Theater notwendig sind; eine Universitaet, die einen Beitrag fuer die Gestaltung der Zivilisation leistet. Auch das ?Stadion? kann nicht verstanden werden ohne eine Schule, die die Leute auf diese Erfahrung vorbereitet, abgesehen von jenen, die den Sprachen des ?Stadion-Theaters? ohnehin nahe sind; Menschen, die sich gewoehnlich eher im Zirkus, im Tanz, in den Rituellen volkstuemlicher Religionen wie ?umbanda? oder ?candomble? entwickeln, und ?nicht zu vergessen- im Karneval. Das ist sozusagen die ?Musik? von allem.

Ich strebe also diese Volksuniversitaet an, weil ich daran glaube, dass sowohl die Kraft des ?Teatro Officina? als auch seine Projektion auf das ?Stadion-Theater? Momente von herausragender Bedeutung sind.